12 Qualitätsbuntstifte


Es ist im März 2011, mein Geburtstag. Post aus Hamburg. Wie immer hat mein lieber Freund Hermann rechtzeitig ein Poststück für mich aufgegeben. Wir studierten zusammen Kunst und hatten, so wie ich die Dinge sehe, die wohl beste Wohngemeinschaft. Unser Verhältnis zur „guten alten“ Post war von der Mail-Art geprägt, eine feine Sache damals, und auch heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich eine solche nicht digitale Sendung in den Händen halten kann. Wir schicken uns gerne materiell minderwertige aber in unserer Kommunikation hoch bedeutungsvolle Kleinteile. Ich schaffe es in letzter Zeit leider nur selten ein Päckchen, oder auch nur eine Karte pünktlich zu Hermanns Geburtstag ankommen zu lassen. Jedes Jahr nehme ich es mir vor, fange oft schon Monate vorher an etwas vorzubereiten, und vermassele es dann. Hermann hat für mich neben den Glückwünschen, einer Tüte voll „Made in West Germany“ -Aufklebern und einer Hand voll Wurstanfassern (das sind kleine Pappstreifen manchmal mit dem Namen der Würstchenbude versehen) dieses Jahr eine Schachtel eingepackt: „Fantasia – 12 Qualitätsbuntstifte“.
Anfang des Jahres habe ich mein Außenlager aufgegeben. Wegen der ungewissen Zukunft der Räumlichkeiten hatte ich mich mental schon ein halbes Jahr vorher davon verabschiedet und eine erste bereinigende Auslese vorgenommen. Beim endgültigen Ausräumen habe ich mich dann zum Teil schweren Herzens von weiteren Dingen verabschiedet. Zu meinem Glück hat mir Joachim eine halbe Garage angeboten, die ich auch schon zu 150% gefüllt habe. Natürlich musste ich auch im Atelier aufräumen und aussortieren. Ich bin damit noch nicht fertig, und wir haben schon Mitte Oktober.
Ich stehe also Mitte März mit den „Qualitätsbuntstiften“ in der Hand im Atelier und trage sie hin und her. Ich weiß nicht was ich damit tun soll. Wenn da schon „Qualitätsbuntstifte“ drauf steht, ist klar um welche Art von Qualität es sich hier handelt. Ein ernst zu nehmender Künstler würde ernst zu nehmendes Material als „Farbstifte“ bezeichnen. Damit kann man arbeiten. Kollegen wie Arno Arts haben das bewiesen. Einen ersten kleinen Triumph diesbezüglich hatte ich während meiner Schulzeit. Mein Kunstlehrer Herr Sauer, ein frei schaffender Maler mit einem Lehrauftrag an unserer Schule, meinte verächtlich, damit könne man höchstens Bilderbücher ausmalen, und das hätte mit Kunst rein gar nichts zu tun. Womit er natürlich in Bezug auf die Malbücher Recht hatte. Wir arbeiteten an der bildlichen Darstellung eines Kuhschädels, und ich hatte mir Arbeit mit nach hause genommen.
Als ich meinem Lehrer die Abstraktion in Farbstift auf Karton zeigte, hat er anerkennend sein Urteil über Farbstifte revidiert.
Aber was soll ich jetzt mit diesen Buntstiften tun? Im Zuge des Aufräumens und Aussortierens in den Mülleimer werfen? Kommt gar nicht in Frage, ist schließlich ein Geschenk von Hermann. Einlagern? Wäre in dieser Phase nicht konsequent, ich habe die Auswahl in der Schublade „Farbstifte“ bereits auf ein sinnvolles Maß reduziert. Verarbeiten? Aber zu was? Vielleicht ist das ein Wink des Schicksals, und ich soll mal wieder ein Bild malen. Aber doch nicht mit diesen Stiften?! Eineinhalb Tage beschäftigt mich dieses Thema. Dann ist für mich alles klar. - Ich nehme für jeden Stift ein Blatt Zeichenkarton, DIN A 4. Dann werde ich das Blatt voll kritzeln, einfärben, solange bis der Stift verbraucht ist, ich ihn nicht weiter anspitzen kann. Die Spitzerspäne und die restlichen Stummel hebe ich in getrennten Gläsern auf. Ich werde sie in kleinen Objektrahmen unter die dazu gehörigen Bilder hängen.
Ich beginne mit Dunkelblau. Ich habe diese Szene aus einem Fernsehbeitrag im Kopf: Eine Gruppe geistig Behinderter schafft unter Betreuung eines Künstlers großartige Werke. Einer sitzt an seinem Tisch, krakelt und schmiert in voller Leidenschaft verschiedene blaue Kreiden und Farben auf sein Blatt. Der Reporter spricht ihn an, fragt was er denn da male. Der Mann dreht sich sparsam zur Seite, schaut den Reporter nur kurz mit leicht zusammen gekniffenen Augen an, so wie man einen ahnungslosen Trottel anschaut, der sich gerade mit einer wirklich dämlichen Frage blamiert hat, und erklärt, die Erregung seines euphorischen Farbenrauschs unterdrückend, in bemüht sachlichem Tonfall: „Ich mache mir hier erst mal ein schönes Blau.“
Ich brauche etwas über eine Stunde für den Stift. Ich spüre meinen Arm und die Finger. Ein, maximal zwei Blätter pro Tag sollten reichen. Leider schaffe ich es nicht, jeden Tag in Folge einen Stift zu verarbeiten. Es sind immer noch so viele andere Dinge zu tun. Dann, Wochen später der letzte Stift, ein Blau. Das Kritzeln und Schraffieren kommt mir schon wie ein Déjà-vu Erlebnis vor. Als ich fertig bin lege ich alle Blätter nebeneinander aus. Schreck – das Dunkelblau ist doppelt. Wie ich die Blätter auch drehe und wende, die beiden Farben sind identisch. Ich schaue mir die Verpackung an. Da hatte ich mir schon notiert: „Wenn ich mir vorstelle wie viele schlimme Bilder mit diesen Buntstiften hätten gemalt werden können…“ „Das schlimmste verhindert.“ Auch, dass ein zwölfteiliges Bild als „Dodecaptychon“ zu bezeichnen wäre hatte ich notiert. Aber auf der Schachtel kein Hinweis auf eine Sortierung der Farben. Dass es keine brauchbaren Farbbezeichnungen geben würde, war mir von vornherein klar, aber auf der Abbildung müsste doch irgendetwas zu erkennen sein. Ich sehe mir alles unter der Lupe an: Gelb, Orange, zwei Rot-Töne, Lila, Hellblau, Dunkelblau, Hellgrün, Dunkelgrün, das nächste müssen zwei Braun-Töne sein und Grau soll Schwarz bedeuten. So lässt es sich auch mit einer gewissen Logik eines Menschen erklären, der eine Farbauswahl für Kinder trifft.
Hellblau, Dunkelblau – Hellgrün, Dunkelgrün – Rosa, Rot – Schwarz – bei Gelb, Orange und Lila kennen die kein hell und dunkel, bleibt Hellbraun und Dunkelbraun. Es muss das Dunkelbraun sein, das fehlt, stattdessen haben sie fälschlicher Weise Dunkelblau zwei Mal dazu gepackt. Ich schreie. Mein Konzept – jeder wird mich fragen: warum zwei Mal Dunkelblau? Außerdem will ich das fehlende Braun sehen. Ich versuche Hermann anzurufen, der ist nicht zu erreichen. Ich erreiche Ursula und bespreche mit ihr das Problem. Sie meint: lass’ es so wie es ist, das ist Authentisch. Das kann doch nicht dein Problem sein, wenn die ihre Buntstifte schlecht sortieren. – Doch, das kann es. Ich recherchiere im Internet wo es diese Stifte zu kaufen gibt, finde nur vage Andeutungen auf diverse Billigketten. Am nächsten Tag suche ich fünf dieser Läden erfolglos nach den Buntstiften ab. Dann erreiche ich endlich Hermann. Er hat zwar gerade die letzte Packung Qualitätsbuntstifte seiner Nichte geschenkt, aber er will sehen was sich machen lässt.
Zwei Tage später kommt Post aus Hamburg. In dem gefütterten Umschlag die Fotografie einer Frau, das Gesicht zwischen den Händen, Mund und Augen weit aufgerissen. Ein nicht ganz überzeugender Ausdruck zwischen freudigem Erstaunen und erschrockenem Entsetzen. Auf der Rückseite Hermanns Kommentar: „2x Dunkelblau – da war der Schreck groß“, und: „Ich hoffe der Stift ist unverletzt.“

Ja, ist er, danke, danke, danke. Ich setze mich gleich daran, eine E-Mail zu gestalten. Ich stecke mir den vermissten Buntstift ins Nasenloch, versuche den Gesichtsausdruck der Frau nachzuahmen und mache ein Foto davon. Dann schreibe ich mit der Maus am Computer (mit Paint!) darunter: Kackbraun – da war die Freude groß.

Dieses Mal dokumentiere ich auch die Entstehung des Blattes.

Zwei Wochen später finde ich per Zufall die geeigneten Rahmen. Ich werde sie weiß lasieren und als Objektrahmen modifizieren. Ich wähle 2 Zentimeter Abstand zwischen Glas und Rückwand. Das ergibt genügend Raum für die Späne. Die farbigen Blätter sollen in ihrem ganz leicht verworfenen oder gewellten Zustand, wie abgelegt auf der Rückwand montiert werden. Für die Hängung brauche ich eine weiße Wand, etwa 10 Meter lang. Ich möchte die Bilder in Reihe sehen, jeweils mit den Spänen darunter. So kann ich mir Gedanken über verschiedene Möglichkeiten einer Reihenfolge machen. Auch eine Blockhängung, mit den gerahmten Spänen ebenfalls als Block in gespiegelter Reihenfolge an der gegenüberliegenden Wand, ist denkbar, genauso wie eine auf die Räumlichkeiten abgestimmte Anordnung in kleinen Gruppen. Die Buntstiftschachtel und der Text werden in einer Mappe präsentiert.
Das doppelte Blau wird mit den Spitzerspänen gesondert gerahmt.

Zeichenmaschine
aus der Reihe "ART IS ... VIBRATIONS"